• Hallo, Freunde körpernaher Kunstfaserhüllen.


    Mittlerweile bereits fünf Forumsinkarnationen vor dem jetzigen, gab ich meinen Storyschreiber-Einstand mit zwei Geschichten. Und eine davon beschrieb etwas, das vielen Lesern aus der Seele sprach. Das idealisierte Nirvana für Lycrafans. Und obwohl selbige Story eigentlich damit aufgelöst wurde, dass es sich um einen Wunschtraum handelte, zogen sich Referenzen darauf wie ein roter Faden seither durch mein kreatives Schreiben.
    Irgendwie musste ich das Thema noch mal aufgreifen, aber nicht ausschließlich, sondern als Rahmen für andere Handlungen. Die zündende Idee kam recht schnell und ich dachte, was den Machern hinter dem Wacken Open Air seit einigen Jahren Recht ist, kann den Lycrafans doch nur billig sein.
    Ist ziemlich umfangreich geworden.


    Trotzdem gute Unterhaltung.


    P.S. Da das Konzept von "Lycraworld" nicht nochmal ausführlich erklärt wird, ist die Kenntnis der Ursprungsstory von Vorteil. (Ist die allerälteste in der Liste). Auch schadet es nicht Personen aus dem "Hahn im Korb" zu kennen, sowie die Geschichten anderer Autoren.






    LYCRUISE



    Fetischstory von lycwolf









    Kapitel 0.1 Die Katzenfrau


    Sie grinste, als sie das erhoffte, satte Klicken vernahm mit dem die Stahltür freigegeben, und das Summen welches anzeigte dass die Mehrpunktverriegelung automatisch zurückgezogen wurde. Noch einmal einen Rundblick in die verlassene Gegend, bevor sie das Flachbandkabel von der verborgenen Schnittstelle des DataPorts abzog und die kleine Rechenplatine zurück in ihren schwarzen Rucksack schob. Für das nächtliche Portugal hatte sie nur wenig übrig. Schon gar nicht für dieses Industriegebiet mit seinen endlosen Reihen zweckbestimmter Lagerhallen. Noch immer hatte sie das Gefühl dass sie verfolgt wurde, doch weit und breit war nichts verdächtiges zu sehen oder zu hören. Nur die entfernten Geräusche von Fahrzeugen, die bereits unterwegs waren um die in einigen Stunden erwachende Metropole zu versorgen.


    Mit der geschmeidigen Eleganz einer Katze schlüpfte sie in das Gebäude. Hier gab es weder Tag noch Nacht. In diesem riesigen Raum hatte Zeit keinerlei Bedeutung. Ohne den Lageplan auf ihrem Tablet wäre sie aufgeschmissen gewesen. Doch mit dieser Unterstützung konnte sie sich zügig durch die endlosen Reihen mannshoher Gestellschränke arbeiten. Die Luft war erfüllt vom charakteristischen Geruch betriebswarmer Elektronik und über allem lag das Summen nie verstummender Lüfter, welche die massenhaft anfallende Abwärme beseitigten. Zuhauf blinkende LED´s tauchten die Gänge in ein gespenstisches Zwielicht aus abwechselnd Grün und Blau. Auf ihrer Kleidung indes reflektierte dies nur wenig, denn ihr Ganzanzug inklusive halboffener Kopfhaube war in tiefem, mattem Schwarz gehalten. Die klassische Arbeitskleidung dieses Berufsstandes.


    In den letzten Jahren hatte sie sich nicht nur persönlich verändert, sondern auch viel dazugelernt und vor allem das Wissen nutzbringend umgesetzt. Allesamt Dinge, die nicht Teil ihrer früheren Tätigkeit in der IT-Branche waren. Nicht zuletzt durch den Kontakt zu Hackerkreisen, konnte sie sich umfassende Kenntnisse über die Architektur weltumspannender Netzwerke und derer Beeinflussungen erarbeiten.
    Es war nicht das Leben das sie sich erträumt hatte. Vielmehr wurde sie von noch wesentlich kriminelleren und vor allem skrupelloseren Subjekten in diese Rolle getrieben. Sie hatte diese ihr aufgezwungene Rolle angenommen und sich zurückgeholt, was ihr und anderen rechtswidrig entwendet wurde.
    Und obwohl sie es versuchte, gab es nach dem ganzen Abenteuer von damals kein Zurück mehr in ihr bürgerliches Leben. Dieses "andere" Leben hatte sie nachhaltig beeinflusst. Nur um nicht aufzufallen und etwa doch noch zum Ziel von Schnüfflern zu werden, hielt sie die Fassade der berufstätigen und alleine lebenden noch ein ganzes Jahr weiter aufrecht. Keiner konnte ihr was, dafür war sie viel zu vorsichtig. Sie hatte sämtliche Ratschläge verinnerlicht und minutiös befolgt.


    Doch dieses Gefühl der Unantastbarkeit ließ sie nicht ruhen und veranlasste sie weiter zu recherchieren. Bis sie IHM schließlich auf die Schliche gekommen war. Dem glatten, schleimigen Aal, welcher sich mittels seines unrechtmäßig angehäuften Vermögens aus jeder Klemme herauswand. Jener Unsympath, der ohne jedes Unrechtsbewusstsein unzählige Leben in den Ruin gestürzt hatte. Und der dies vor Gericht lächelnd mit einem Menschenverachtenden "Manchmal geht halt auch was schief" kommentiert hatte.


    "Um krumme Dinger zu drehen, musst du doch heutzutage das Haus nicht mehr zu verlassen", hatte Damals der Hacker mit dem Alias "Jonas" zu ihr gesagt. Er war der erste Kontakt zu einer unwirklich anmutenden Schattenwelt, in der es keinerlei Grenzen zu geben schien. "Das Einzige was du wirklich brauchst, ist eine gute Anonymisierung, damit du keine Spuren hinterlässt."


    Aber genau das stellte sich als der bedeutsamste Knackpunkt heraus. Alles was es regulär auf dem Markt oder gar im Darknet gab, hatte irgendwo Schwachstellen und es dauerte lange bis sie an etwas wirklich geeignetes herankam. Sie musste ausländische Kontakte dafür knüpfen, was ebenfalls viel Zeit erforderte. Schließlich hatte sie sich zunächst eine vertrauenswürdige Reputation erarbeiten müssen. Doch das ihr und vielen anderen angetane Unrecht war Antrieb genug und binnen eines halben Jahres war sie zu einer der interessantesten Neulinge in der Hackerszene geworden. So wurde über einige Umwege auch ein schwedischen Meisterhacker mit dem Alias "Plague" auf sie aufmerksam. Ihr Rachefeldzug schien ihm zu imponieren, und so machte er sie mit speziellen Fertigkeiten vertraut und unterstützte ihr Vorhaben mit gewissem sportlichem Ehrgeiz. Hacker sind halt tief im Inneren Anarchisten, die alles befürworten was die "Großkotze" schädigen kann.


    "Noch besser ist es natürlich, den physischen Standort des Servers ausfindig zu machen, auf dem die Dateien liegen", hatte er in einer ihrer auf Englisch geführten Konversationen gesagt. "Wenn du von dort direkten Zugriff hast, kannst du mit "Invisible" völlig unentdeckt bleiben."
    Invisible nannte er ein selbst gestricktes Verschleierungsprogramm, welches zur Kodierung auf Primfaktorzerlegung aufbaute. Die komplexeste und selbst nach mehreren Jahren immer noch sicherste Methode der Verschlüsselung.


    Was er sagte leuchtete zwar ein, war aber leichter gesagt als getan. Den deutschen Serverstützpunkt herauszufinden war seiner Zeit lediglich eine Sache von Tagen gewesen und das direkte Anzapfen der Speicherbänke nicht aufwändig. Dazu noch, wie sich später heraus stellte, äußerst erfolgreich.
    Doch einen realen Serverstandort auf internationaler Ebene ausfindig zu machen, ohne die geringste Ahnung wo auf der Welt sie zu suchen hatte, das verschlang Monate voller Übernächtigung und ungesunder Ernährung. Zudem musste sie vorsichtig agieren, denn obwohl die Polizei den Fall längst zu den Akten gelegt hatte, könnten ihr immer noch Privatermittler auf den Fersen sein.


    Doch jetzt war es soweit.
    Jetzt stand die finale Abrechnung bevor. Die Recherche hatte diese Serverhalle am Rande von Lissabon ausgegeben.


    Die gewünschten Daten waren natürlich nicht auf nur eine klar definierte Festplatte beschränkt, aber bis auf eine oder zwei Reihen von 19 Zoll Schränken war es einzugrenzen.
    Wieder spürte sie das Kribbeln, als ihr Tablet an die kabelgebundene Schnittstelle andockte. Genau wie vor gut einem Jahr, als ihre illegale Tätigkeit hunderte von Menschen glücklich machte.
    Aber diesmal war es anders. Diesmal tat sie es nur für sich. Und sie tat es um IHN zu vernichten.






    Kapitel 0.2 Der Autor


    Der Autor saß wenig inspiriert vor seinem Notebook. Das Selbe worauf er auch jenen Text verfasst hatte, für den ihm eine Würdigung ausgesprochen wurde. Was ihm zwar gut tat, gleichzeitig aber auch gar nicht so recht war. Schüchtern wie er nun mal war, missfiel ihm nichts mehr als irgendwo im Rampenlicht stehen zu müssen.
    Hier in seiner anonymen Abgeschiedenheit an Fetischgeschichten basteln, war seine Welt. Sich aber womöglich seinem Publikum präsentieren und Rede und Antwort stehen zu müssen, erzeugte ein Unwohlsein bis hin zur Übelkeit.
    Deshalb hatte er auch entschieden, die mit der Auszeichnung verbundene Prämie nicht anzunehmen. Er hatte sowieso nicht mit einem Sieg gerechnet, also auch nichts erwartet.


    Doch nun saß er bereits eine geschlagene Stunde vor dem kleinen Bildschirm und versuchte seinen bereits drei Seiten langen Text mit Leben zu füllen.
    Ein tiefer Seufzer der Resignation.
    "Strg+A" und dann "Entf.", danach war die Seite der Textverarbeitung wieder jungfräulich weiß.


    Mir fällt einfach nichts gescheites ein, stellte er fest.
    Alles was er in den vergangenen Tagen begonnen und genau wie eben auch wieder verworfen hatte, passte nicht zu seinem Anspruch. Was immer er auch tippte, schien zu profan und billig und auf keinen Fall etwas, womit man einen Wettbewerb hätte gewinnen können, sei es auch nur in einem Fetischforum.
    Er barg sein bedrücktes Gesicht in seinen Händen und ein ungehöriger Gedanke bahnte sich den Weg aus seinem Unterbewusstsein.


    Was, wenn er nun doch das Präsent annehmen würde? Urlaub hatte er ja noch genügend. Ob neue Eindrücke seine Schreibblockade zu lösen vermochten? Schließlich konnte er nicht für immer der Welt da draußen fern bleiben. Sonst könnte sich aus seiner Schüchternheit am Ende noch eine chronische Sozialphobie entwickeln.






    Kapitel 0.3 Rainer und Tobias


    Einer seiner ältesten Freunde, also auf die Dauer der Bekanntschaft bezogen, denn er war ein Jahr jünger als Rainer, hatte seit einigen Wochen wieder engeren Kontakt zu ihm aufgenommen. Sie kannten sich von klein auf und waren in der Jugend unzertrennlich gewesen. Es tat gut mit jemandem wirklich vertrautem reden zu können. Gerade jetzt nach dem Trennungsjahr und der erfolgten Scheidung. Dann stand zu allem Überfluss auch noch sein vierzigster Geburtstag ins Haus. Eine magische Grenze an der man endgültig die Jugend hinter sich lassen muss und oft ohne Umwege in die erste Midlife-Crisis schlittert.


    Mit seiner Frau hatte es schon lange nicht mehr richtig geklappt. Wenn er ehrlich war, noch nie. Kindersegen stellte sich auch nicht ein und eigentlich führten sie auch keine Ehe. Mehr eine Zweckgemeinschaft. Doch auch jetzt fühlte er sich nicht unbedingt besser. Er hoffte auf das viel beschriebene Gefühl der Freiheit, aber irgendwie wollte sich dieses nicht einstellen.


    Es kam ihm zwar komisch vor, aber Tobias war zu jener Zeit genau das, was ihm lange gefehlt hatte. Jemand, mit dem man auch mal tiefgründiger quatschen und andererseits auch mal wieder die Sau rauslassen konnte. Selbst wenn sie sich in den letzten Jahren nur sporadisch getroffen hatten, hielten sie dennoch immer den Kontakt aufrecht.
    Dass ihre Trennung aus beruflichen Gründen vor zwanzig Jahren mit Toby´s Coming-Out zusammenfiel war Zufall. Es stellte für Rainer nie ein Problem dar, dass sein bester Freund schwul war. Er war und blieb einfach ein sauguter Kumpel, der für jeden Blödsinn zu haben war.


    Deshalb willigte Rainer auch ein, als Tobias ihm vorschlug seinen vierzigsten doch unter der Sonne Portugals zu feiern.
    Ein Männerurlaub wie in alten Zeiten.
    Und das wurde es dann auch.
    Es war einfach zum schießen komisch mitzuerleben, wie zu vorgerückter Stunde die heißesten Mädels vergeblich bei Tobias zu landen versuchten. Man muss dazu sagen, dass dieser selbst mit knapp unter vierzig noch immer ungewöhnlich attraktiv aussah. Darüber hinaus entsprach er kaum den gängigen Verhaltensklischees von Homosexuellen. Viel mehr passte er in das Schema des "pflegebewussten Mannes der Gegenwart". Und deshalb flogen die Hühner so auf ihn, um nach einigen Drinks jedoch bedauernd feststellen zu müssen, dass ihre Anstrengungen vergebens waren.


    Die Stimmung war jedenfalls großartig und sie führten sich an diesem vierzigsten Geburtstag auf, als wären sie wieder halb so alt. Der Alkohol tat sein übriges, dass Rainer seinen besten Freund zu vorgerückter Stunde in den Arm nahm um ihm zu gestehen: "Hätte ich besser dich geheiratet", lallte er nach den vierzehn Geburtstags-Tequila. "Dann wäre mir viel erspart geblieben."


    Der Kater am folgenden Morgen ließ die beiden nicht weiter als bis an den Hotelpool kommen. Auch da zog Toby sämtliche Blicke auf sich, in seinem hoch ausgeschnittenen Damenbadeanzug im Regenbogen-Farbdesign.
    Irgendwie realisierte Rainer auch nicht so recht, was das eigentlich mit der Schiffsfahrt zu bedeuten hatte. Er dachte da eher an einen Tagesausflug, doch irgendwann stellte sich heraus, dass sein Kumpel eine fünftägige Kreuzfahrt gebucht hatte. Doch das war bei weitem nicht alles. Es sollte eine Themenkreuzfahrt werden.


    "Jetzt stell´ dich bloß nicht so an", redete ihm Tobias streng ins Gewissen als er gegen dessen Plan wetterte. "Du bist jetzt Ü40, also sei ein Mann und steh´ endlich zu deinen Gelüsten!"


    Das hatte gesessen. Eigentlich war Rainer der Meinung, seine Vorliebe stets gut geheim gehalten zu haben, doch seinem besten Freund konnte er wohl auch hier nichts vormachen. Ihm fiel keine Antwort auf diesen Klartext ein, da ja alles was Tobias anführte richtig war.


    Dieser ergriff deshalb wieder das Wort: "Wir sind doch hier im Urlaub und keiner kennt dich, oder wird jemals wieder mit dir zusammentreffen. Du kannst dich ruhig mehr trauen, als nur die matten Radler."


    Rainer sank die Kinnlade vor so viel Offenheit.


    "Meinst du, ich hätte etwa nicht gemerkt wie sehr du auf Lycrasachen stehst und am liebsten ständig so´n Zeug wie ich tragen würdest? Schon während der Schulzeit hattest du dir mit Klamotten aus der Restekiste die Zeit vertrieben und ich bin mir sicher, dass sich in deinem Gepäck mindestens ein weiteres Stück findet, das du für die privaten Momente der Nacht reserviert hast"


    Rainers Unterkiefer fand einfach den Weg nach oben nicht mehr. Er war völlig unfähig auf das zu reagieren, was sein Freund ihm eröffnete.


    "Du weißt das also schon ewig und hast nichts gesagt?"


    "Ich dachte jetzt, wo du wieder ledig und lose bist und die Lebensmitte überschritten hast, wäre ein guter Zeitpunkt für einen Neuanfang. Deshalb habe ich uns auch diese Kreuzfahrt gebucht. Lass dich einfach mal gehen und warte ab was passiert."

    ... am liebsten glatt und glänzend

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